098 – Der Aufgussmeister – Norbert Perger
Der Mann, der 500-mal im Jahr die Hitze bändigt
Norbert Perger ist Aufgussmeister im Südtiroler Pustertal. Er jongliert Handtücher auf einem Finger, lässt Vulkane in der Sauna ausbrechen und sitzt privat kaum je in einer Kabine.
Es zischt, es duftet nach Wacholder und Zitrone, und ein Handtuch kreist durch die 90 Grad heiße Luft. Dann balanciert es plötzlich auf einem einzigen Finger, als hätte die Schwerkraft frei. In Ehrenburg (Casteldarne) im Südtiroler Pustertal ist das keine Zirkusnummer, sondern ein ganz normaler Aufguss bei Norbert Perger.

Vom Bau in die Badewelt
Mit Wellness hatte Norbert Perger ursprünglich wenig am Hut. Der Jahrgang 1970 ist gelernter Maler und Lackierer und Trockenbauer. Den Bademeisterschein machte er in jungen Jahren, praktiziert hat er ihn nie. Dann wurde in seiner Gegend ein öffentliches Schwimmbad gebaut, es fehlten Bademeister, und Perger hatte „die Schnauze voll“ von der Arbeit auf dem Bau.
Er wechselte kurzfristig die Branche. Ein Jahr lang war er Bademeister, dann rutschte er Stück für Stück in den Saunabereich. Das war vor 13, 14 Jahren, und Schulungen oder Kurse gab es damals nicht. Die Kolleginnen und Kollegen zeigten ihm, was sie konnten, und es dauerte „lange, lange, lange“, bis er selbst etwas konnte. Learning by doing, im wörtlichsten Sinn.
Der Saunameister, der kaum saunieren geht
Man würde annehmen, dass jemand mit diesem Beruf privat ein Hitze-Junkie ist. Perger sagt das Gegenteil: Wenn er nicht gerade aufgießt, sitzt er vielleicht zweimal im Jahr in einer Kabine. Der Grund ist einfach. Rund 500 Kabinen im Jahr macht er beruflich, da muss er in der Freizeit nicht auch noch reinliegen.
Eis, Öle und der Duft der Heimat
Perger gießt nicht nur Wasser auf. Er arbeitet gern mit Eis, und das hat handfeste Gründe. Wasser braucht zum Verdampfen mehr Sauerstoff als Eis, und mehr Sauerstoff in der Kabine macht das Schwitzen leichter. Außerdem ist Eis der ideale Duftträger: Ätherische Öle mischen sich nicht mit Wasser, auf dem Eis lassen sie sich einfach aufbringen. Aus dem Eis formt er auch Schneekugeln, Herzen oder Pyramiden.
Seine Öle bezieht er am liebsten von einer Ölbrennerei aus der Nachbarschaft, rund zehn Kilometer entfernt. Sie sind biologisch, und die Wege sind kurz. Bei der Show, bei der wir dabei waren, kamen Wacholder, Lavendel, Lärche, Eukalyptus und Zitrone zum Einsatz. Im Dampfbad bietet er zudem jeden Tag ein anderes Peeling an, etwa Echinacea mit Blutorange, Rosmarin oder Latschenkiefer.
Und das Bier? Ein Bieraufguss sieht spektakulär aus, wenn die Flasche über den Ofen kippt. Perger empfiehlt aber, das Bier lieber hinterher zu genießen. Hefeweizen müsste man im Verhältnis 1:10 verdünnen, für die Steine ist es nicht ideal, und danach riecht die Kabine nach Toastbrot.
Schlümpfe, Gladiatoren und ein Vulkan im Saunaofen
Wer denkt, ein Aufguss bestehe aus Wedeln und Schwitzen, kennt Perger nicht. Er hat schon Aufgüsse rund um die Schlümpfe, ein Bergwerk und Lasershows inszeniert. Er hat sich als Gladiator verkleidet und Party-Aufgüsse mit Technomusik veranstaltet. Sein größter Coup war ein Vulkan mit Trockeneis und rotem Licht, der mitten in der Sauna Rauch spuckte: „gigantisch“.
Sein Erfolgsrezept ist ein Lächeln. „Wenn man einem Gast ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, dann hat man schon gewonnen.“ Dazu braucht es aber auch die Gäste: „Es braucht immer die Gäste dazu.“
Drei Monate täglich üben
Das Handtuch-Jonglieren auf einem Finger hat er in drei Monaten täglichen Übens gelernt, ohne Stangen oder andere Hilfsmittel, nur mit einem normalen Textilhandtuch. Nicht jedes Handtuch fliegt gleich. Länge und Gewicht verändern das Flugverhalten, und viele seiner Tricks funktionieren mit einem fremden Handtuch nicht mehr. Perger vergleicht das mit Skifahrern, die mit der Ausrüstung der Konkurrenz auch nicht ihr Bestes zeigen.
Weder Italiener noch Österreicher
Perger ist zweisprachig aufgewachsen und spricht fließend Deutsch und Italienisch. Als wir ihn fragen, ob er sich eher als Südtiroler, Italiener oder Altösterreicher fühlt, antwortet er ehrlich: Er fühlt sich als Südtiroler. Als Österreicher würde er sich nicht bezeichnen, als Italiener auch nicht. Im vereinten Europa sei man ohnehin „nicht so nationalitätsfixiert“. Das passt zu seinem Publikum, das von überall kommt, von Deutschen und Italienern über Tschechen und Schweizer bis zu Engländern und Chinesen.
Seine Beobachtung dazu: Italienerinnen und Italiener ziehen sich in der Sauna weniger gern aus als Österreicher und Deutsche. Das sei wohl kulturell bedingt, denn im heißen Süden Italiens saunieren die Menschen einfach nicht so extrem.
Für alle, die zum ersten Mal in die Sauna gehen
- Erst duschen, dann trocken rein. Nass sollte man die Kabine nicht betreten.
- Einsteigen mit der Bio-Sauna. Bei rund 60 Grad und 40 % Luftfeuchtigkeit ist sie die „gechillteste Kabine“.
- Je höher, desto heißer. Bis zu 30 Grad Unterschied zwischen Boden und Decke sind möglich.
- Auf den Körper hören. Wer sich nicht mehr wohlfühlt, Atemnot hat oder es zu heiß findet, verlässt die Kabine.
- Nach dem Gang abkühlen und viel trinken. Wer bei einem Kreislaufproblem die Beine hochlagert und ein nasses Tuch auf Stirn oder Nacken legt, tut sich leichter.
- Kein Alkohol. Betrunkene lässt Perger gar nicht erst in die Sauna.
In zehn Jahren noch in der Sauna?
Zum Schluss fragen wir Perger, ob man ihn in zehn Jahren immer noch in der Sauna trifft. „Ich denke schon“, sagt er. Wir hoffen es auch.

Factbox: Norbert Perger
Name: Norbert Perger
Jahrgang: 1970
Wohnort: Pustertal, Südtirol (Ehrenburg / Casteldarne)
Beruf: Saunameister und Aufgussmeister
Ursprünglich gelernt: Maler und Lackierer, Trockenbauer
Quereinstieg: Vom Bademeister zum Saunameister, seit rund 13 bis 14 Jahren
Sprachen: Deutsch und Italienisch
Aufgüsse pro Jahr: Rund 500
Privat in der Sauna: Etwa zweimal im Jahr
Spezialität: Aufgussshows mit Handtuchjonglage, Themen-Events und Eisaufguss
Lieblingsdüfte: Ätherische Öle aus regionaler Produktion, etwa Wacholder, Lavendel, Lärche, Zitrone
Schrägste Show: Vulkanausbruch mit Trockeneis in der Sauna
Motto: „Wenn man einem Gast ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, dann hat man schon gewonnen.“
Fühlt sich als: Südtiroler